Sonntag, 27. September 2015

I'M A MARATHONER


Kurz bevor sich morgen mein längster Lauf zum ersten Mal jährt, möchte ich Euch doch noch von meinen Erlebnissen beim Berlin-Marathon 2014 berichten.

Ich meine ja, dass jeder gesunde Mensch einen Marathon laufen könnte, wobei das wichtigste für mich die folgenden beiden Punkte sind: Die Lust und die Zeit für ein mindestens zwölfmonatiges Training sowie der unbedingte Wille, diesen Marathon zu schaffen. Einen Marathon läuft man als Normalsterblicher nicht mal eben so, sondern es bedarf intensiver Vorbereitung.

Ich habe zunächst einmal eine Trainingsanalyse mit Laktattest machen lassen: Hierzu musste ich auf dem Laufband stufenweise immer schneller laufen, hatte dabei eine Maske auf, durch die die ausgeatmete Luft analysiert wird, und alle fünf Minuten wurde Blut aus meinem Ohrläppchen entnommen, um den Laktatgehalt zu messen. Anschließend bekam ich einen ausführlichen Bericht über meinen Trainingszustand und - das eigentlich wichtige - meine individuellen Trainingsbereiche. Und das war gut so, denn die anhand der Faustformel 220 minus Lebensalter ermittelten Pulsbereiche waren völlig andere. Ein gründlicher Checkup beim Internisten kam auch noch dazu, aber das mache ich sowieso alle zwei Jahre.

So ausgestattet, habe ich mich dann durch verschiedene Trainingspläne aus "Das große Laufbuch" von Herbert Steffny 'hochgearbeitet'. Angefangen mit Laufen und Gehen im Wechsel kam ich so irgendwann bei langen Trainingsläufen von bis zu 32 km an. Diese für den Marathon so immens wichtigen langen, aber langsamen Läufe habe ich auch konsequent durchgezogen.

Die Angst vor langen Strecken habe ich irgendwann komplett verloren. Vor Jahren erzählte mir mal jemand, dass er jeden Morgen sieben Kilometer liefe. Ich als Nichtläufer dachte damals, um Himmels Willen, sieben Kilometer... das war für mich unvorstellbar viel. Heute ist meine kleine Hausrunde gut acht Kilometer lang.

Zusätzlich habe ich dann auch noch ein zweitägiges Marathonseminar bei Herbert Steffny, einem früheren Weltklasseläufer, mitgemacht. Das hat viel zusätzliches Wissen gebracht und war echt spaßig!

Meine Trainingsläufe habe ich in der Regel morgens absolviert und auf nüchternen Magen. Bei langen Läufen und bei Hitze hatte ich aber Wasser dabei. Beim letzten langen Lauf habe ich die Gelnahrung getestet, das sind konzentrierte Kohlenhydrate für unterwegs. 

Und schließlich war es dann soweit. Am Vortag des Laufs mussten wir auf der Running Expo unsere Startunterlagen abholen. Das war aber ziemlich gut organisiert, und wir mussten kaum anstehen. Anschließend haben wir uns dort mit Gelnahrung eingedeckt und noch die neuesten Produkte gecheckt, die das Läuferherz höher schlagen lassen. Ich habe schnell noch eine neue Pulsuhr gekauft, bei der ich die vier wichtigsten Werte auf einmal ansehen kann, außerdem schickt sie die Daten zusätzlich in die Lauf-App auf meinem iPhone. 

Meinen Laufguru Herbert habe ich dann auch noch wiedergetroffen; er hat mich dann noch beschworen: "Lauf' schön langsam los!"


Abends im Hotel haben wir die obligatorische Nudelparty ausgelassen und uns lieber an Herberts Ratschlag gehalten: Pellkartoffeln mit Quark. Köstlich! 

Geschlafen habe ich gut, und nach einem ganz frühen Läuferfrühstück ging es dann los zur Wiese vor dem Reichstag, zusammen mit etwa 36.0000 weiteren Läufern, die es heute wissen wollen.

Als Debütant starte ich natürlich ganz hinten, und es dauert endlos, bis wir endlich an der Reihe sind loszulaufen. Die Elite vorne ist da schon vierzig Minuten unterwegs!



Ich laufe sehr langsam los, eigentlich in meinem normalen Wohlfühltempo für lange Läufe. Viele, viele Läufer überholen mich. Ich denke mir: "Lauft Ihr nur, Euch sehe ich noch wieder!" Ich zwinge mich, deutlich langsamer zu laufen als ich möchte. Hat Herbert schließlich gesagt.

Während der ersten zwei, drei Kilometer denke ich: "Oha, heute ist kein guter Lauftag für mich." Aber nach sechs, sieben Kilometern bin ich richtig schön warmgelaufen, es fluppt, die Beine laufen wie von allein und ich fühle mich großartig. 

Die Sonne scheint, aber es ist noch nicht zu warm, alles perfekt. Unterwegs schaue ich ab und zu in die Marathon-App, wie schnell mein Liebster so unterwegs ist. Hm, er ist mir 20 Minuten voraus.

Außerdem habe ich noch alle meine interessierten Freunde in eine WhatsApp-Gruppe gepackt, die bejubeln mich unterwegs. Bei km 15 meldete meine Freundin: "Der erste ist schon da!" Na toll...

Bei Kilometer 10 überhole ich die ersten Läufer. Und ab jetzt wird das immer mehr. Ich staune. Ab Kilometer 15 bis zum Schluss des Rennens überhole ich nur noch andere Läufer, die entweder langsamer laufen als ich oder sogar gehen. 

Ein besonderer Genuss ist es, Männer zu überholen, und ein absolutes Hochgefühl erlebe ich, wenn ich JUNGE Männer überhole... Eine Weile klemme ich mich hinter zwei junge männliche Läufer, einer davon mit extrem knackigem Hinterteil. Das war schon ein sehr netter Anblick. Irgendwann sind die beiden mir aber zu langsam, und ich muss überholen. Großartiges Gefühl.

Mein Hochgefühl hält so an bis etwa Kilometer 21. "Super, die Hälfte habe ich schon!" Etwa bei Kilometer 24 merke ich, dass meine Beine etwas müde werden, und ich denke "Mist, es ist doch noch so weit!" 

Einen Tiefpunkt habe ich bei Kilometer 27. Egal, weiter gehts. Ich habe Dorie aus 'Findet Nemo' im Ohr: "Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen" und wiederhole mir selbst wie ein Mantra immer wieder: "Einfach laufen, laufen, laufen..." Das hilft.

An jeder Verpflegungsstation schnappe ich mir zwei Becher Wasser. Einen trinke ich, den anderen kippe ich mir über Nacken und Rücken. Schweiß ist kostbar. Und wenn ich schon nass bin, muss mein Körper weniger kostbare Flüssigkeit hergeben. Auch ein Tip von Herbert. 

Nach jeder Trink- und damit verbundenen kurzen Gehpause ziehe ich mir eins meiner Gelpacks rein. Ich nuckle langsam und genüsslich dran. Die Schokoversion schmeckt wie Nutella und Erdnussbutter ist auch genial.

Bei Kilometer 29 habe ich mein Tief überwunden, denn nun freue ich mich auf Kilometer 30, wo meine Mutter und Freunde warten. Über WhatsApp klären wir, wo sie genau stehen. Und schon bin ich da, umarme alle kurz, großes Hallo! Und schon bin ich wieder weg. Dieses Treffen hat mich super motiviert und mir neuen Schwung gegeben! 

Einer meiner Freunde postet in die Gruppe: "Sie sieht so frisch aus, das packt sie locker!" WOW! Wie gedopt laufe ich weiter. Nur noch 11 Kilometer, nur noch 10 Kilometer. 

Ich merke, dass meine Beine und Füße schwer beansprucht sind, aber ich nehme es nicht als Schmerz wahr, denn so langsam haben mich die Endorphine voll im Griff. Ich fühle mich großartig, denn nun ist es ja nicht mehr weit!

Ich laufe den Ku'damm hoch, herrlich. Erinnerungen werden wach, ich habe früher hier gewohnt, direkt am Ku'damm. Nur noch sechs Kilometer. Weniger als meine Hausrunde! Vorbei geht es am Potsdamer Platz. Mensch, was ist hier so alles gebaut worden ist, seit ich aus Berlin weggegangen bin!

Kilometer 40, ich lege nochmal etwas Tempo nach. Bei Kilometer 42 sende ich in WhatsApp meine letzte Sprachnachricht: "So, 42 Kilometer. ...jetzt freue ich mich aber auf ein Bier."

Links, rechts, links, rechts, noch einmal links: Und dann liegt das Brandenburger Tor vor mir. Ich fliege darauf zu. Tausende Leute rechts und links jubeln uns zu. Als ich durch das Brandenburger Tor laufe, spielt gerade 'Born to be wild' in ohrenbetäubender Lautstärke. Die Glückshormone fluten meinen Körper. IST DAS GEIL!!

Noch ein paar hundert Meter, dann bin ich im Ziel. Ich kann gar nicht glauben, dass ich es nun geschafft habe und laufe vorsichtshalber noch ein paar Meter. Dann bekomme ich direkt meine Medaille umgehängt, und ich lasse mich von einer Mitläuferin fotografieren. NOW I'M A MARATHONER!!!

Das Gefühl ist unbeschreiblich. Ich bin fünf Stunden am Stück gelaufen! 42 Kilometer! Ich habe einen Marathon geschafft! 

Und ob ihr es glaubt oder nicht, ich hätte auch noch 10 Kilometer weiterlaufen können. Ich habe meine Kräfte gut eingeteilt; meine zweite Hälfte war schneller als meine erste Hälfte, und ich bin noch auf vier Minuten an meinen Liebsten herangekommen, der zu schnell gestartet war und ab Kilometer 35 mit einem bösen Leistungseinbruch zu kämpfen hatte.

Für die nächsten zwei Tage bekomme ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht!




Abends sind wir noch auf der großen Marathon-Party, zusammen mit den schnellsten Läufern und Läuferinnen der Welt. Auffällig übrigens, dass keine der Frauen Hackis trägt, nicht mal ich...



Den Marathon habe ich super überstanden, keine Probleme mit Beinen oder Füßen. Muskelkater, ja, natürlich, ein paar Tage lang kann ich schlecht Treppen hinabsteigen. 

Ob ich noch einen laufe? Wahrscheinlich nicht. Der Lauf an sich war nicht so dramatisch, aber das Training dafür ist halt sehr zeitaufwendig. Ich denke, ich werde mich lieber an Halbmarathons halten, die kann man als regelmäßiger Läufer auch mal so einschieben.

Außerdem: Das Erlebnis in Berlin kann ich nicht toppen! So MEGAGEIL war das!

Kommentare:

  1. Du kannst echt stolz auf Dich sein. Und ich hab live mitgefiebert :-).

    AntwortenLöschen
  2. Endlich habe ich deinen Post gelesen, ich sollte meinen jetzt mal ringend fertig stellen denn deiner erinnert mich an meinen Lauf sehr stark.
    Aber Berlin ist doch topp bar - nämlich mit New York.

    Keep in running. Herzlichst Birki

    AntwortenLöschen
  3. Was für ein spannender Artikel, unfassbar. Finde auch, dass du absolut zurecht stolz auf dich sein kannst. LG Dieter.

    AntwortenLöschen